Regierungsumbau - Das deutsche Negativnarrativ!

Der Regierungsumbau ist noch keine 24 Stunden alt – und viele Schlagzeilen konzentrieren sich fast ausschließlich auf den einen Rückzieher. Gleichzeitig geraten wichtige Personalentscheidungen in den Hintergrund. So übernehmen beispielsweise mehr Frauen Führungsverantwortung – bis hinein ins Kanzleramt –, obwohl Friedrich Merz zuvor immer wieder eine mangelnde Frauenrepräsentanz vorgeworfen wurde.

Für mich zeigt sich hier ein wiederkehrendes Muster: Rückschläge dominieren die Schlagzeilen, Fortschritte erhalten deutlich weniger Aufmerksamkeit. Kritik gehört zum Journalismus. Aber wer überwiegend das Negative hervorhebt, vermittelt am Ende auch ein entsprechend einseitiges Bild.

  • Tagesschau (Kommentar): „Merz’ Kabinettsumbau: Ein verstolperter Neuanfang“ – Der Fokus liegt auf der Bewertung als misslungener Neustart.
  • ZDF heute (Analyse): „Ist dem Kanzler der Personalumbau misslungen?“ – Schon die Überschrift rahmt den Umbau als mögliches Scheitern, obwohl im Artikel später auch erwähnt wird, dass das Team „jünger und weiblicher“ wird.
  • ZEIT: „Nach Spahns Rücktritt: Merz baut Regierung und CDU-Führung um“ – Der Einstieg erfolgt über den Rücktritt, nicht über die personellen Neuerungen.
  • ZEIT: „Merz baut Regierung um – Wirbel um Schnieder“ – Auch hier steht der „Wirbel“ im Vordergrund.
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Ein wenig scheint es mir so zu sein, dass in vielen Medienhäusern nach dem Motto gehandelt wird: Bad news are good news. Sollte es statt „bad news“ gute Nachrichten geben, konzentriert man sich in der Berichterstattung und Kommentierung auf den womöglich vorhandenen, singulären Negativaspekt - im Fall der Kabinettsumbildung darauf, dass den designierten Verkehrsminister auf der Fahrt nach Berlin frühmorgens um vier Uhr die Erkenntnis überkam, er wolle das ihm angetragene Amt nun doch nicht übernehmen - vermutlich wegen der ungünstigen Erfolgsaussichten. Das „Versagen“ - meiner Meinung nach handelt es sich eher um schlechten Stil aufgrund fehlenden Mutes - ist also nicht in der Person von Friedrich Merz begründet, sondern in der des „Beinahe-Verkehrsministers“. Nur leider kennt den kaum jemand, weshalb dann die von rmnk zitierten Überschriften etc. entstehen, die mehr Aufmerksamkeit generieren.

In dem Zusammenhang finde ich auch bemerkenswert, dass bestimmte Entwicklungen von Politikern selbst aus Machtkalkül oder Medienvertreter(inne)n (Profilierungssucht?) nach außen lanciert werden, statt abzuwarten, bis Dinge spruchreif sind. Verantwortungsbewusst finde ich ein solches Verhalten nicht. Oder um es mit Hanns Dieter Hüsch zu sagen: „Einfach mal die Klappe halten.“

Darüber hinaus scheint mir folgender Aspekt wichtig: Früher waren Sendungen wie „heute“, „Tagesschau“ & Co. Nachrichtensendungen. Nachrichten wurden präsentiert in Form von Berichten oder Meldungen, mamchmal trat der Kommentar begleitend hinzu. Seit einigen Jahren gibt es diese klassischen Nachrichtensendungen nur noch dem Namen nach; inhaltich jedoch handelt es sich um Botschaften, von der (auch verbalen) Präsentation her um eine Mischung aus Magazin und Boulevard. Das „Berichten, was ist“ kann unter diesen Voraussetzungen kaum noch gelingen.

Hi Doro,

ich glaube, wir sollten mal einen Gentest machen. :blush: Es sieht fast so aus, als wären wir irgendwann einmal geklont worden. Also: 100 % Zustimmung.

Besonders beschäftigt mich Dein Hinweis, dass sich der Charakter vieler Medienformate verändert hat. Ich habe zunehmend den Eindruck, dass die Grenze zwischen Nachricht, Einordnung und Meinung fließender geworden ist. Gleichzeitig werden viele Journalistinnen und Journalisten heute stärker als Persönlichkeiten und Marken wahrgenommen. Das schafft Nähe zum Publikum, birgt aber aus meiner Sicht auch die Gefahr, dass die eigentliche Berichterstattung in den Hintergrund tritt.

Genau deshalb finde ich die Diskussion über Qualitätsjournalismus derzeit so spannend.

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