Lessons learned - oder bleibts bei "Technologieoffenheit und der Markt wird's schon richten"?

Hallo liebes Team und Forum,

spannender Podcast, der viele Aspekte die mit der Branche vertrauten Personen im Grunde klar waren. Nein China hat nicht betrogen, sie haben es immer offen kommuniziert. Nein, es liegt nicht am Verbrenner-Aus - es gibt handfeste technische Gründe für Elektromobilität und last but not least: Politik machen Fehler. Aber garnicht erst gestalten wollen (Technologie-Offenheit, Markt entscheidet), das ist ein Offenbarungseid der Politik. Wir benötigen eine positive Vision von Deutschland und seiner wirtschaftlichen Zukunft. Das klingt nach Industriepolitik? Why not - wenn man es nicht rückwärtsgewandt (z.B. Erhalt der Stahlindustrie) versteht. Vielleicht lag der viel gescholtene Robert Habeck mit seiner Chip Strategie nicht so falsch (OK, Intel - aber bitte mal den Aktienkurs heute ansehen): Zukunftsindustrie, hervorragende Chancen für industrielle Öko-Systeme im Maschinenbau, Ost-Deutschland … (Bitte Halbleiter hier gerne ersetzen durch eine andere smarte Idee).

Nur mit Rentenreformen, Vermögenssteuern und flexibleren Arbeitszeiten werden wir Deutschland nicht auf die Füße stellen. Wir brauchen schon auch eine inhaltliche Idee.

Liebes Team Ronzheimer, ich würde mich sehr freuen, wenn Sie diese Frage regelmäßig Gästen aus der Politik stellen. Bitte weiter so!

Hallo x5pack,
ich habe eine Weile in der Strategie von großen Dax Unternehmen gearbeitet. Eine „Industriepolitik“ erscheint mir völlig verfehlt. In der Politik gibt es keine fachlich kompetenten Menschen auf so hohem Niveau, wie man in Unternehmen findet. Die Politik wird immer scheitern damit, die Zukunft von Technologie vorauszusehen.
Nein, der Weg muss tatsächlich darüber führen, dass man bessere Marktbedingungen für Innovationen schafft: niedrigere Steuern auf Einkommen, einfachere Unternehmensgründungen, und weniger Regulierung (z.B. weniger Haftungsregeln, weniger DIN Normen, weniger Berufsgenossenschaften)
Wer mal versucht hat, in Deutschland irgendwas wirtschaftlich zu machen, und sei es nur Bier am Straßenrand zu verkaufen, und das mit den USA vergleicht, wird sofort merken, was bei uns falsch läuft. Bei uns muss alles genehmigt sein und man braucht quasi ein Studium für den Verkauf von Bier am Straßenrand, in den USA muss man nicht einmal Englisch sprechen dazu, man macht es einfach.
Und noch was: diese Fixierung auf Automobilindustrie nervt. SAP, ein deutscher Softwarekonzern, ist an der Börse mehr wert als VW, BMW und Daimler ZUSAMMEN. Die These, dass Deutsche keine Software können, ist doch absurd.
Vielleicht ist es sinnvoller, SAP zu fördern, ein neues SAP zu schaffen, als der alten Autoindustrie nachzuweinen? Autos wird es vielleicht bald gar nicht mehr geben. Es ist ja auch nicht so, als wäre das die einzige Industrie in Deutschland. Wir haben auch SAP oder Pharma, auch große Logistikfirmen und vieles mehr.
Also: Politik so machen, dass der Markt gut funktioniert

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Lieber Herr Ronzheimer und Team,
mit Interesse verfolge ich die Diskussion.
Bemerkenswert erscheint mir, wie sehr wirtschaftspolitische Fragestellungen zu grundsätzlichen Überzeugungsfragen werden und ins ideologische abdriften.
Die einen plädieren für einen stärkeren Staat.
Die anderen für einen schlankeren Staat.
Die einen befürworten mehr Regulierung.
Die anderen setzen auf Deregulierung.
Dabei wird häufig übersehen, dass jede bestehende Regulierung einem bestimmten und oft berechtigten Schutzinteresse dient. (u.a.: Verbraucher, Mieter, Kinder, Beschäftigte, Bauherren, Kapitalanleger, …)
Wer Deregulierung fordert, spricht damit zugleich über den Abbau bestehender Schutzmechanismen.
Wer Steuersenkungen fordert, nimmt zugleich eine Verringerung staatlicher Handlungsfähigkeit in Kauf.
Beides muss angemessen und berechtigt und darf nicht überfordernd und ausgehöhlt sein. Rechtsstaat und demokratische Institutionen müssen funktionieren, gesellschaftliche Teilhabe und Aufstiegsmöglichkeiten sollten ermöglicht werden. Weder in Politik, öffentlichen Verwaltungen oder Wirtschaft dürfen nur noch Erbhöfe gesichert werden.
Historisch betrachtet war die Annahme, Wohlstand entstehe nahezu automatisch durch weitreichende Entlastungen für Unternehmen und Vermögende sowie ausgedehnter Verzicht auf Regulierung, also der weitestgehende Verzicht auf eine staatliche oder institutionelle Kontrolle und Steuerung von Märkten, Unternehmen oder gesellschaftlichen Bereichen durch verbindliche Regeln, Gesetze und Standards, schon immer ein Irrtum. Bereits im 19. Jahrhundert wurde dieser Ansatz in Manchester erprobt.

Das Ergebnis war einerseits ein epochales wirtschaftliches Wachstum, andererseits jedoch erhebliche soziale Missstände und Elend.

Die zentrale Frage lautet daher aus meiner Sicht nicht, ob mehr Markt oder mehr Staat die richtige Antwort ist. Vielmehr sollte die Diskussion darauf gerichtet sein, welche gesellschaftlichen Ziele wir erreichen möchten. Die Vereinigten Staaten diskutieren über nationale Fähigkeiten. China diskutiert über technologische Führungspositionen. Deutschland diskutiert über ideologische Zerrbilder.
Erst wenn wir unsere Ziele definiert haben, lässt sich sachgerecht darüber sprechen, welche politischen und wirtschaftlichen Instrumente dafür geeignet sind. Diese Diskussion kann nur in einer lebendigen, freiheitlichen und angstfreien Demokratie erfolgreich geführt werden.

Freundlich grüßt Ulrich C.