Podcast mit Sander Tordoir

Was mich an der gesamten Debatte etwas irritiert, ist, dass sofort wieder der Ruf laut wird: „Die Regierung hat versagt.“oder „Die Regierung muss jetzt handeln.“ Natürlich hat der Staat die Aufgabe, faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen und auf strategische Herausforderungen wie Chinas Industriepolitik zu reagieren. Aber im gesamten Podcast fehlte für mich ein entscheidender Aspekt.

Wir leben in einer Marktwirtschaft. Dort entscheiden nicht nur Regierungen und Unternehmen, sondern auch Millionen Konsumenten jeden Tag mit ihrem Geld (Temu und Shein lassen Grüßen). Wer Produkte aus China kauft, stärkt damit – ob bewusst oder unbewusst – Chinas Wirtschaft und trägt dazu bei, dass deren Unternehmen wachsen. Jeder kann diese Entscheidung treffen. Dann sollte man aber auch bereit sein, die Folgen dieser Entwicklung anzuerkennen.

Mir scheint, wir leben in Deutschland zunehmend nach dem Motto: Vom Staat möglichst viel fordern, selbst aber möglichst wenig zur Lösung beitragen. Wir wollen günstige Produkte und niedrige Preise. Wenn die Folgen dieses Konsumverhaltens dann sichtbar werden und die heimische Industrie unter Druck gerät, soll der Staat alles wieder richten. Das greift mir zu kurz. Ja, die Politik muss ihren Beitrag leisten – aber genauso sollten Unternehmen und wir als Konsumenten hinterfragen, welchen Anteil unsere eigenen Entscheidungen an dieser Entwicklung haben.

@Herr Ronzheimer: Die folgende Frage an Herrn Tordoir hätte ich mir von ihnen gewünscht:

Herr Tordoir, Sie sprechen viel darüber, was die Politik tun muss. Aber leben wir nicht auch deshalb in dieser Situation, weil Unternehmen und Verbraucher jahrzehntelang freiwillig den günstigsten Anbieter gewählt haben? Tragen wir als Konsumenten nicht ebenfalls Verantwortung für den Erfolg chinesischer Unternehmen?”

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Billig bei Temu ist erstmal gut. Mehr Güter fürs gleiche Geld, mein Wohlstand steigt.
Das Problem ist nicht, dass wir das kaufen. Das Problem ist, warum es so billig ist und dass im Gegenzug kaum etwas von uns nach China geht. Das ist kein freier Wettbewerb, das ist einseitige Subventionierung.

Den Verbraucher dafür verantwortlich zu machen, greift genauso zu kurz wie der Appell, er solle doch bitte das Klima durch seine Kaufentscheidung retten.

Diese Denkrichtung nennt man auch Individualisierung von Verantwortung (Responsibilization)…
Am Ende sind das nur s.g. Token Actions: symbolische Gesten, die sich gut anfühlen, aber strukturell nichts ändern (kauf regional, iss kein Fleisch). Ein psychologisches Placebo, um echte Maßnahmen zu vermeiden. Fühlt sich gut an, bringt aber nichts (oder fast nichts).

Hallo Andreas,

danke für Deine Sicht. Genau diese Perspektive hat Herr Tordoir aus meiner Sicht im Podcast sehr gut dargestellt.

Mich würde interessieren: Ab wann hältst Du individuelle Verantwortung für relevant? Wenn Millionen Verbraucher ihr Kaufverhalten ändern würden – hätte das aus Deiner Sicht Auswirkungen?

Genau darin sehe ich einen grundlegenden Gedanken der Marktwirtschaft: Die Summe vieler individueller Entscheidungen kann große Wirkung entfalten – in der Politik durch Wahlen und in der Wirtschaft durch unser Konsumverhalten.