Lieber Herr Ronzheimer und Team,
vielen Dank für diesen Podcast.
Wenn ich es richtig verstehe, sind in dieser Folge die zwei Ebenen des gleichen Horizonts aufeinander getroffen:
Sie fragten nach der Stimmung in Deutschland und Professor Fratzscher beurteilte die Lage.
Und: Beide Blickwinkel sind wichtig!
Professor Fratzscher hat meines Erachtens in vielem recht. Deutschland ist weder ein gescheiterter Staat noch ein wirtschaftlicher Trümmerhaufen. Wir verfügen über leistungsfähige Unternehmen, einen starken Mittelstand, hervorragende Hochschulen, einen belastbaren Rechtsstaat, eine funktionierende Demokratie und trotz aller Probleme noch immer über einen hohen Wohlstand.
Wer Deutschland ausschließlich als Niedergangsgeschichte beschreibt, beschreibt nicht die Wirklichkeit.
Gleichzeitig gelingt es Ihnen im Podcast immer wieder, die Perspektive der Menschen sichtbar zu machen. Die Sorgen um Arbeitsplätze. Die Angst vor sozialem Abstieg. Die Unsicherheit durch Kriege. Die Zweifel an Migration, Bürgergeld, Energiewende, Rente oder Wettbewerbsfähigkeit.
Und genau deshalb halte ich die eigentliche Frage des Podcasts für eine andere:
Warum ist die Stimmung so viel schlechter als die Lage?
Ohne Zweifel, ein Teil der Antwort liegt in realen Problemen. Ein anderer Teil liegt jedoch in einer politischen Kultur, die von Zuspitzung lebt.
Wir erleben seit Jahren eine regelrechte Konkurrenz um die düsterste Diagnose. Wer die größte Krise beschreibt, erhält die größte Aufmerksamkeit. Wer den dramatischsten Niedergang ausruft, bekommt die meisten Klicks. Wer den Menschen erklärt, dass alles kaputt sei, wird häufiger gehört als derjenige, der auf Stärken und Chancen hinweist.
Besonders erfolgreich sind dabei politische Kräfte, deren Geschäftsmodell nicht darin besteht, Vertrauen aufzubauen, sondern Vertrauen zu zerstören: In die Politik, in Institutionen, in Wissenschaft, in Medien. Vor allem aber das Vertrauen in die Fähigkeit unseres Landes, Probleme überhaupt noch lösen zu können.
Die frühere Ankündigung eines Vertreters dieser politischen Kräfte, man werde die politischen Gegner „jagen“, war für mich nie nur eine rhetorische Entgleisung. Sie steht exemplarisch für einen Politikstil, der von der Vorstellung lebt, dass nahezu alles versagt habe und nur noch die eigene Bewegung den wahren Zustand des Landes erkenne.
Dabei entsteht ein merkwürdiges Bild:
Die Politiker, die Verwaltungen, die Gerichte sind unfähig. Die Wissenschaft versteht nichts oder beschäftigt sich mit den falschen Themen. Die Medien verschweigen die Wahrheit.
Nur die selbsternannten Alternativen für Deutschland erklären sich zu wahren Hütern des Volkswillens und diskreditieren alles und jeden, der nicht auf dieser Linie steht.
Professor Fratzscher hat deshalb aus meiner Sicht einen wichtigen Gedanken ausgesprochen, den man noch weiterdenken kann:
Verantwortung tragen nicht nur Politiker und Wirtschaftskapitäne.
Verantwortung tragen auch wir Bürger, im Sinne von Mitverantwortung.
Dazu gehört die Bereitschaft, Komplexität auszuhalten. Und Belastungen.
Deutschland steht vor gewaltigen Herausforderungen bei Demografie, Rente, Integration, Verteidigung, Infrastruktur, Digitalisierung, Wettbewerbsfähigkeit.
Keine dieser Aufgaben wird durch Schuldzuweisungen gelöst. Und keine dieser Aufgaben wird dadurch gelöst, dass man gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausspielt.
Junge gegen Alte. Arbeitnehmer gegen Bürgergeldempfänger. Einheimische gegen Zugewanderte. Stadt gegen Land. Ost gegen West.
Denn bei aller Unterschiedlichkeit liegt der größte Schatz unseres Landes nicht nur in unseren Unternehmen, nicht in unseren Exportbilanzen und auch nicht in unseren Haushaltsplänen. Der größte Schatz Deutschlands sind die Menschen, die hier leben. Die hier Geborenen und die Zugewanderten. Die Jungen und die Alten. Die Hochqualifizierten und die einfachen Arbeiter. Die Erfolgreichen und die Gescheiterten. Die Reichen und die Armen. Die Klugen und die weniger Klugen. Diejenigen, die Verantwortung tragen, und diejenigen, die Unterstützung brauchen.
Sie alle gehören zu diesem Land. Sie alle tragen auf ihre Weise zum Gelingen unseres Gemeinwesens bei.
Und seien wir mal ehrlich: Braucht jede Autofahrt zum Bäcker oder zum Sonntagsausflug die Unterstützung des Staates? Nein - Niemand hat einen Anspruch auf Spritpreise unter zwei Euro. Es hätte gereicht, diejenigen zu unterstützen, die darauf angewiesen sind, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren oder die weit entfernte Klinik zu erreichen. Niemand hat einen Anspruch auf dauerhaft billige Energie. Niemand hat einen Anspruch auf maximale Renditen. Und keine Branche hat einen Anspruch darauf, für alle Zeiten vor Wettbewerb und Veränderung geschützt zu werden. Transformationen sind anstrengend. Sie erzeugen Unsicherheit. Sie verlangen Anpassung. Aber sie gehören zur Geschichte jeder erfolgreichen Volkswirtschaft.
Die Aufgabe der Politik besteht darin, diesen Wandel fair zu gestalten. Die Aufgabe der Wirtschaft besteht darin, wettbewerbsfähig zu bleiben, durch höchste Leistung und nicht durch billigste Löhne. Die Aufgabe der Bürger besteht darin, sich nicht von denjenigen verführen zu lassen, die behaupten, alle Probleme seien eingewandert und alle Schuldigen längst bekannt.
Weil dies offengelegt wurde, liegt vielleicht genau darin der eigentliche Wert dieses Podcasts.
Professor Fratzscher erinnert uns daran, dass Deutschland stärker ist, als viele glauben.
Und Herr Ronzheimer erinnert uns daran, dass Statistiken allein keine Sorgen beruhigen.
Beides zusammen ergibt ein vollständigeres Bild unseres Landes als das permanente Wechselbad zwischen Schönfärberei und Untergangserzählung.
Freundliche Grüße Ulrich C.