Podcast mit Peter Neumann

Eine weitesgehend super Folge. Aber wie so oft hinsichtlich dieser Thematik, habe ich das Gefühl, dass selbst einigen Experten die ideologische Dimension des Konflikts nicht bewusst ist bzw. unterschätzt wird, wodurch Fehleinschätzungen vorgenommen werden. Bspw. wenn im Podcast über die „Sinnhaftigkeit“ eines Anschlags auf Donald Trump gesprochen wird.

Auch wenn nicht alles darauf reduziert werden kann und sollte, will ich dazu ermutigen, zusätzlich mehr Religionswissenschaftliche Perspektiven mit reinzunehmen, die den Blick auf diesen und andere Konflikte schärfen können. Dieser fehlt uns in einer säkularisierten Gesellschaft oftmals bzw. das Gespür dafür, wie tiefgreifend religiöse Überzeugungen Konflikte prägen können. Das hört nicht beim Iran auf, sondern lässt sich auch bei der Berichterstattung/Einschätzung der Hamas uä beobachten.

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Richtig. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: es ist nicht ein Konflikt zwischen Religionen sondern zwischen Religion und Säkularen. „Wir“ sind nicht das weiße, christliche Europa, sondern die säkularen, aufgeklärten, modernen Menschen. Japan gehört genauso zu „uns“ wie Jamaika.
Es ist allerdings auffällig, dass vor allem im Islam eine religiöse Haltung zunimmt.

Damit wir uns als freie Gesellschaft erhalten, sollten wir allen Tendenzen zur Religion entgegenwirken: Kopftücher, Essensregeln, Trennung der Geschlechter, Fasten,…

Hallo, Andreas,

meinen Sie tatsächlich, wir „sollten allen Tendenzen zur Religion“ (= religiöse Tendenzen) „entgegenwirken“, oder haben Sie vielmehr fundamentalistisch-extremistische Positionen im Sinn?

Dankeschön im Voraus für die Präzisierung!

Prinzipiell finde ich alle nicht säkularisierte, aufgeklärte Religiosität suspekt.

Solange Religion im Bereich der Riten ist, der transzendenten Vorstellungen, ggf. auch der Moral - das ist ok. Aber wenn es sich auf konkrete Alltagsdinge wie Kleidung, Essen, Strafen, Gleichberechtigung oder gar wissenschaftliche Dinge wie Schöpfung bezieht - dann ist es nicht mehr ok.

Was gesund ist zu essen, bestimmt die Wissenschaft, nicht die Religion. Man kann Dinge aus Tradition nicht essen (z.B. Katzen) oder einfach eklig finden: das ist völlig ok. Ich mag Schweinefleisch auch nicht besonders und ekele mich vor Heuschrecken.
Aber eine religiöse Abneigung zu haben gegenüber Dingen… das ist komplett gegen unsere aufgeklärten Werte. Ich würde mich jedenfalls nicht irgendwie „verdorben“ fühlen, wenn irgendwo Heuschrecken in meinem Snack verarbeitet wären, wenn es gut schmeckt.

In den USA gibt es ja auch sehr crazy Christen, mit ihrem Schwachsinn zur Ablehnung der Evolution. Auch ein Punkt, wo einfach Religion übergriffig wird. Religion ist nicht berechtigt, Dinge zu beschreiben, die wissenschaftlich untersucht werden können, wie Evolution. Es gibt Bereiche, die der Naturwissenschaft nicht zugänglich sind. Da kann man dann religiös darüber denken, wenn man will.

Auch gegen Riten und Traditionen ist hingegen wenig einzuwenden - solange sie nicht den universellen Menschenrechten (z.B. Gleichberechtigung, Toleranz…) widersprechen. Ich feiere gerne religiöse Feste und singe religiöse Lieder. Das ist schön. Ich finde Traditionen sehr wichtig. Es sollte aber nicht dazu dienen, andere auszuschließen.

Auch immer wieder interessant, wie ein solcher Kommentar interpretiert werden kann. Mir geht es aber nicht um die Bewertung von irgendeiner Religiösität, sondern um das Verständnis und die Miteinbeziehung religiöser Überzeugungen in die Analyse. Wenn ich bspw. Peter Thiel verstehen will, muss ich mich u.a auch mit seinen eschatologischen Überzeugungen auseinandersetzen. Ob die für mich Sinn machen, ich sie gut finden usw. - das spielt erstmal überhaupt keine Rolle. Das gilt eben auch für die religiöse Elite in Iran. Wenn ich verstehen will, warum ein Attentat auf Trump aus ihrer Perspektive womöglich sehr viel „Sinn“ macht, muss ich die messianischen/endzeitlichen Vorstellungen von Teilen des Regimes verstehen.

Da nicht jeder alles wissen kann und muss, war mein Kommentar hier lediglich ein Plädoyer für mehr religionswissenschaftliche Perspektiven auf Konflikte mit religiöser Dimension - zunächst zum besseren Verständnis, nicht zur Bewertung religiöser Haltungen und Überzeugungen.

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Andreas, danke für die ausführliche Antwort.

Säkularisation bezeichnet ja das Einziehen kirchlichen Vermögens oder kirchlichen Besitzes (zum Beispiel Klöster, Ländereien) durch den Staat. Insofern meinen Sie mit Ihrer Forderung, wir „sollten allen Tendenzen zur Religion entgegenwirken“ wohl Ansichten einer Religion, die nicht den Prozess der Aufklärung durchlaufen hat?

Wenn ich Sie richtig verstehe, dann sollten Religion und Glaube Ihrer Ansicht nach keine Auswirkungen auf die konkrete Lebensführung eines Menschen haben. Zumindest verstehe ich Ihren Satz „Aber wenn es sich auf konkrete Alltagsdinge wie Kleidung, Essen, Strafen, Gleichberechtigung oder gar wissenschaftliche Dinge wie Schöpfung bezieht - dann ist es nicht mehr ok.“ so. Ich verstehe Ihren Ansatz und (an)erkenne auch das humanistische Motiv (vor allem bei den Bereichen Strafzumessung, Gleichberechtigung etc.). Ich weise aber darauf hin, dass für einen religiös überzeugten Menschen die von Ihnen geforderte Lebensgestaltung nicht praktikabel ist, da es unvermeidlich zu Gewissenskonflikten käme (vgl. Jens Spahn und die Frage der sogenannten Leihmutterschaft, wobei Herr Spahn diesen Konflikt eben nicht ausgehalten, sondern bequem für sich „gelöst“ hat). Warum sollte es nicht in Ordnung sein, wenn jemand aus Respekt vor unseren tierischen Mitgeschöpfen ein Leben ohne Fleisch-, Fischkonsum etc. wählt, solange er anderen ihren Lebensstil zugesteht? In den Bereichen des alltäglichen Lebens allerdings, die nicht nur den Menschen in seiner Singularität und seiner Privatheit betreffen, sondern in denen es um das Zusammenleben aller geht (vornehmlich also Legislative, Exekutive und Judikative) und die den Kern unseres staatlichen Gemeinwesens betreffen, hat sich der religiöse Mensch nach den Gesetzen und Regeln des Staates zu richten. Trennung von Kirche und Staat eben - obgleich es noch Luft nach oben gibt bei der Umsetzung.

Eine Bemerkung noch zur Evolution. „Religion ist nicht berechtigt, Dinge zu beschreiben, die wissenschaftlich untersucht werden können, wie Evolution.“ Ich sehe das komplett anders. Religion ist, Religionen sind berechtigt zu erzählen (erzählen, nicht berichten!), wie das Verhältnis von Gott/Göttern und Mensch/Geschöpfen war, ist und sein sollte. Schöpfungserzählungen nehmen eben nicht für sich in Anspruch, von der Evolution zu berichten, sondern sie befassen sich mit den Fragen nach dem Ursprung und Sinn unseres Lebens, es geht um Schuld und Verantwortung, das Zusammenleben und den Umgang mit anderen (Menschen, Tieren und Pflanzen) sowie um die Beziehung zu Gott. Schöpfungserzählungen sind mehrere Jahrtausende alt, die modernen, naturwissenschaftlichen Evolutionstheorien knapp 200 Jahre. Ich finde es bemerkenswert, dass sich bereits unsere Vorfahren vor 3000 Jahren mit den existentiellen Fragen befassten, die auch den modernen Menschen umtreiben. Und aufgeklärte religiöse Menschen wissen, dass Naturwissenschaften und Religion kein Widerspruch sind oder sein müssen.