Andreas, danke für die ausführliche Antwort.
Säkularisation bezeichnet ja das Einziehen kirchlichen Vermögens oder kirchlichen Besitzes (zum Beispiel Klöster, Ländereien) durch den Staat. Insofern meinen Sie mit Ihrer Forderung, wir „sollten allen Tendenzen zur Religion entgegenwirken“ wohl Ansichten einer Religion, die nicht den Prozess der Aufklärung durchlaufen hat?
Wenn ich Sie richtig verstehe, dann sollten Religion und Glaube Ihrer Ansicht nach keine Auswirkungen auf die konkrete Lebensführung eines Menschen haben. Zumindest verstehe ich Ihren Satz „Aber wenn es sich auf konkrete Alltagsdinge wie Kleidung, Essen, Strafen, Gleichberechtigung oder gar wissenschaftliche Dinge wie Schöpfung bezieht - dann ist es nicht mehr ok.“ so. Ich verstehe Ihren Ansatz und (an)erkenne auch das humanistische Motiv (vor allem bei den Bereichen Strafzumessung, Gleichberechtigung etc.). Ich weise aber darauf hin, dass für einen religiös überzeugten Menschen die von Ihnen geforderte Lebensgestaltung nicht praktikabel ist, da es unvermeidlich zu Gewissenskonflikten käme (vgl. Jens Spahn und die Frage der sogenannten Leihmutterschaft, wobei Herr Spahn diesen Konflikt eben nicht ausgehalten, sondern bequem für sich „gelöst“ hat). Warum sollte es nicht in Ordnung sein, wenn jemand aus Respekt vor unseren tierischen Mitgeschöpfen ein Leben ohne Fleisch-, Fischkonsum etc. wählt, solange er anderen ihren Lebensstil zugesteht? In den Bereichen des alltäglichen Lebens allerdings, die nicht nur den Menschen in seiner Singularität und seiner Privatheit betreffen, sondern in denen es um das Zusammenleben aller geht (vornehmlich also Legislative, Exekutive und Judikative) und die den Kern unseres staatlichen Gemeinwesens betreffen, hat sich der religiöse Mensch nach den Gesetzen und Regeln des Staates zu richten. Trennung von Kirche und Staat eben - obgleich es noch Luft nach oben gibt bei der Umsetzung.
Eine Bemerkung noch zur Evolution. „Religion ist nicht berechtigt, Dinge zu beschreiben, die wissenschaftlich untersucht werden können, wie Evolution.“ Ich sehe das komplett anders. Religion ist, Religionen sind berechtigt zu erzählen (erzählen, nicht berichten!), wie das Verhältnis von Gott/Göttern und Mensch/Geschöpfen war, ist und sein sollte. Schöpfungserzählungen nehmen eben nicht für sich in Anspruch, von der Evolution zu berichten, sondern sie befassen sich mit den Fragen nach dem Ursprung und Sinn unseres Lebens, es geht um Schuld und Verantwortung, das Zusammenleben und den Umgang mit anderen (Menschen, Tieren und Pflanzen) sowie um die Beziehung zu Gott. Schöpfungserzählungen sind mehrere Jahrtausende alt, die modernen, naturwissenschaftlichen Evolutionstheorien knapp 200 Jahre. Ich finde es bemerkenswert, dass sich bereits unsere Vorfahren vor 3000 Jahren mit den existentiellen Fragen befassten, die auch den modernen Menschen umtreiben. Und aufgeklärte religiöse Menschen wissen, dass Naturwissenschaften und Religion kein Widerspruch sind oder sein müssen.