Die AfD betont immer wieder, Deutschland müsse sich aus dem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine heraushalten und eine neutrale Position einnehmen. Gleichzeitig wird aber regelmäßig argumentiert, Deutschland brauche wieder günstige Energie und Rohstoffe aus Russland.
Für mich passt das nicht wirklich zusammen. Vor allem stellt sich die Frage, wie realistisch diese Vorstellung heute überhaupt noch ist.
Russland führt seit Jahren einen extrem ressourcenintensiven Krieg. Gleichzeitig gibt es Berichte über Engpässe bei Treibstoffen, teilweise lange Warteschlangen an Tankstellen sowie Belastungen der russischen Raffinerie- und Energieinfrastruktur. Hinzu kommt, dass die frühere Energieinfrastruktur zwischen Russland und Deutschland in dieser Form nicht mehr existiert. Nord Stream spielt praktisch keine Rolle mehr, die Handelsbeziehungen wurden zurückgefahren, und Russland hat seine Energieexporte zunehmend in Richtung Asien verlagert.
Deshalb würde mich interessieren: Woher kommt eigentlich die Annahme, dass Russland bei einer Fortsetzung des Ukrainekriegs gleichzeitig genügend freie Kapazitäten hätte, Deutschland wieder in großem Umfang mit besonders günstiger Energie zu versorgen und damit unsere Wirtschaft aus der Krise zu führen?
Auf der anderen Seite entstehen zwischen Deutschland, Europa und der Ukraine immer stärkere wirtschaftliche und militärische Partnerschaften. Der Wiederaufbau der Ukraine könnte langfristig enorme Aufträge für deutsche und europäische Unternehmen bedeuten, beispielsweise in den Bereichen Energie, Infrastruktur, Maschinenbau, Bauwirtschaft, Digitalisierung und Industrie.
Auch sicherheitspolitisch entsteht eine immer engere europäische Zusammenarbeit. Man kann zur Aufrüstung und zur Rüstungsindustrie stehen, wie man möchte. Wirtschaftlich bleibt aber die Tatsache, dass steigende Investitionen in die europäische Verteidigungsindustrie Arbeitsplätze, Produktionsstandorte und Wertschöpfung in Deutschland und Europa schaffen. Einem Mitarbeiter eines solchen Werkes dürfte ein sicherer Arbeitsplatz am Ende lieber sein als Arbeitslosigkeit.
Hinzu kommt die Bedeutung der Ukraine für die weltweite Lebensmittelversorgung. Sie gehört weiterhin zu den wichtigen Produzenten und Exporteuren von Getreide und anderen Agrarprodukten, insbesondere für Staaten, die stark von Importen abhängig sind.
Deshalb meine eigentliche Frage an AfD-Wähler und Befürworter einer stärkeren Annäherung an Russland:
Was genau wäre heute der konkrete wirtschaftliche Vorteil für Deutschland?
Wenn gleichzeitig der Krieg weiterlaufen soll beziehungsweise man Russland gegenüber keine Bedingungen stellen möchte: Wo sollen die großen Mengen günstiger Energie herkommen? Welche Infrastruktur soll sie transportieren? Und warum sollte Russland Deutschland günstig beliefern, wenn es inzwischen andere Absatzmärkte aufgebaut hat?
Dem gegenüber stehen mögliche langfristige wirtschaftliche Chancen durch den Wiederaufbau der Ukraine, eine stärkere europäische Energieunabhängigkeit und eine gemeinsame europäische Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.
Mich würde deshalb interessieren, wie die wirtschaftliche Rechnung hinter der Forderung nach einer erneuten starken Abhängigkeit von Russland konkret aussehen soll.
Ich glaube, dass es, je länger der Krieg weitergeht, auch immer mehr zu einem spannenden Podcast-Thema wird.