Muss immer alles schwarz/weiß in Seiten eingeteilt werden ?
Ich fand das Märchen vom günstigen Atomstrom früher auch sehr schön..
Vier Podcasts sind kein Argument, das sind fünf Stunden Hausaufgaben. Wer eine These hat, kann sie in drei Sätzen sagen. Dann mache ich es eben.
Stelters Kern: Systemkosten der Erneuerbaren werden unterschätzt, Dunkelflauten sind real, Backup kostet Geld. Da hat er recht, und das sage ich als jemand, der PV und Speicher selbst betreibt und die Zahlen aus der eigenen Anlage kennt. Das ist nicht der strittige Teil.
Strittig ist die Schlussfolgerung Kernkraft.
Die Zahlenbasis. Das „hätten wir mal Atom gebaut“ stützt sich wesentlich auf die Emblemsvåg-Studie. Fraunhofer ISI hat ihr einen methodischen Grundfehler nachgewiesen: er addiert 309 Mrd. Euro Förderung auf 387 Mrd. Euro Ausgaben für Erneuerbare und zählt damit den größten Teil doppelt, während er bei der Kernkraft nur die Ausgaben ansetzt. Zwei Maßstäbe, ein Wunschergebnis. Emblemsvåg widerspricht, geschenkt. Aber wer die Studie als Beweis zitiert, muss die Replik dazusagen. Sonst ist es genau das „manipulierte Berechnen“, das der Podcast der Gegenseite vorwirft.
Was Kernkraft real kostet. Kein Einzelfall, sondern das Muster:
Olkiluoto 3: geplant 3 Mrd. Euro und Fertigstellung 2009, geworden sind es über 11 Mrd. und 18 Jahre Bauzeit.
Flamanville 3: geplant 3,3 Mrd., laut französischem Rechnungshof am Ende 23,7 Mrd. und 17 Jahre. Das Siebenfache. Der Rechnungshof bescheinigt schlechte Rentabilität.
Mochovce 3 und 4: von 2,78 auf 6 Mrd. Euro.
Hinkley Point C: Baubeginn 2017, erster Block frühestens 2030, Kosten inzwischen rund 55 Mrd. Euro fürs Projekt. Garantierter Abnahmepreis 2026 knapp 15 Cent je kWh, inflationsgekoppelt, 35 Jahre lang, geschätzte Gesamtsubvention bis zu 100 Mrd. Euro.
Vier Projekte, vier Kostenexplosionen zwischen Faktor zwei und sieben. Das ist keine Pannenserie, das ist die Normalverteilung westlicher Reaktorprojekte. Und 15 Cent ab Kraftwerkszaun ist der Strom, der angeblich billiger ist als die Energiewende.
Die alten Meiler. Frag die Betreiber. EnBW: Rückbaustatus praktisch irreversibel. PreussenElektra: große Komponenten des Primärkreislaufs demontiert, praktisch nicht mehr reaktivierbar. RWE: technisch denkbar, aber regulatorisch, finanziell und personell erhebliche Hürden. Nukem schätzt 1 bis 3 Mrd. Euro Instandsetzung je Reaktor. Das sind die Firmen, die daran verdienen würden. Wenn sogar die abwinken, ist das keine grüne Ideologie, sondern eine Investitionsrechnung.
Das eigentliche Problem heißt Netz, nicht Erzeugung. 2025 kostete das gesamte Netzengpassmanagement 3,1 Mrd. Euro. Davon gingen nur rund 433 Mio. als Entschädigung an abgeregelte EE-Anlagen, der Rest ist das Hochfahren konventioneller Kraftwerke hinter dem Engpass. 96,5 Prozent des Grünstroms kommen beim Verbraucher an. Das Geld verbrennt nicht der Windpark, das verbrennt die fehlende Leitung. Und das ändert sich gerade: die Übertragungsnetzbetreiber haben ihre Redispatch-Prognose für 2026 bis 2028 um fast vier Milliarden nach unten korrigiert, weil Ultranet, A-Nord, SuedOstLink und SuedLink ans Netz gehen. Amprion-Chef Müller dazu: der Netzausbau wirkt. Dass SuedLink Jahre zu spät kommt, liegt übrigens an der politischen Entscheidung für Erdkabel statt Freileitung. Das war Anwohnerschutz, nicht Ökologie.
Und jetzt der Punkt, der die ganzen Studien alt aussehen lässt. Die Folge, die du verlinkst, ist ein bto REFRESH eines Gesprächs von Juni 2023. Seitdem sind die Speicherpreise um rund ein Drittel gefallen, allein gegenüber 2025 nochmal 15 bis 18 Prozent. Heimspeicher liegen 2026 bei etwa 315 Euro je kWh, Großspeicher deutlich darunter. Zellpreise laut BNEF bei 108 Dollar je kWh, rund 80 Prozent unter 2012. Die IEA erwartet bis 2030 nochmal 40 Prozent weniger auf Systemebene. Im ersten Quartal 2026 kamen in Deutschland 2,2 GWh neu dazu, Großspeicher plus 119 Prozent.
Jede Studie, die das Speicherproblem als unlösbar teuer modelliert, hat mit den Preisen von 2022 oder 2023 gerechnet. Das ist der Unterschied zwischen einem Argument und einem Archivstück.
Und nebenbei: du beklagst einseitige Medien und lieferst als Beleg vier Folgen desselben Podcasts. Dessen Autor macht seit 2024 zusammen mit Ulf Poschardt einen Welt-Podcast. Also dieselbe Quelle, aus der du dich ohnehin informierst.