Podcast zum Thema Missstände beim Bürgergeld

Lieber Herr Ronzheimer und Team,

wieder einmal ist es Ihnen gelungen, einen profunden Zeugen aus der Praxis in Ihren Podcast einzuladen und mit einer gesellschaftlichen Stimmung zu verbinden, die viele Menschen beschäftigt.

Genau darin liegt die Stärke Ihrer Gespräche. Sie machen sichtbar, was Menschen erleben, beobachten und empfinden.

Allerdings stellen sich dabei auch grundsätzliche Fragen.

Persönliche Erfahrungen sind wertvoll. Sie können Probleme sichtbar machen, die Statistiken allein nicht erfassen. Sie bleiben jedoch Erfahrungen – und damit Ausschnitte einer Wirklichkeit, die größer ist als der eigene Blickwinkel.

Je komplexer ein System ist, desto vorsichtiger sollte man deshalb mit Verallgemeinerungen sein.

Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass es im Bürgergeldsystem Fehlanreize, Missbrauchsmöglichkeiten und Fehlentwicklungen gibt. Ebenso wenig wird jemand bestreiten, dass ganz viele Mitarbeiter täglich versuchen, unter schwierigen Bedingungen gute Arbeit zu leisten.

Zwischen diesen beiden Feststellungen liegt die eigentliche Debatte.

Die Existenz von Problemen beweist noch nicht das Versagen eines Systems. Persönliche Beobachtungen ersetzen keine belastbare Analyse. Und aus dem Eindruck einzelner Beteiligter folgt noch nicht zwangsläufig, dass Verantwortliche Probleme bewusst ignorieren oder verschweigen.

Auch hinsichtlich der honorigen Absicht, Probleme offen anzusprechen, bevor politische Kräfte daraus Kapital schlagen, bin ich unsicher, ob dieses Ziel erreicht wird. Wer die Reaktionen in den sozialen Netzwerken verfolgt, findet dort häufig keine differenzierte Debatte über Verwaltungsstrukturen, Integration oder Reformbedarf. Stattdessen werden aus Beobachtungen Gewissheiten, aus Einzelfällen Beweise und aus Kritik Generalverdacht. Dann geht es nicht mehr um konkrete Missstände, sondern um die vermeintliche Unfähigkeit von Politik, Verwaltung und Institutionen insgesamt.

Wem hilft das?

Missstände müssen benannt werden. Kritik muss möglich sein. Demokratische Institutionen werden nicht besser, indem man ihre Schwächen verschweigt. Sie werden aber auch nicht besser, wenn aus persönlichen Erfahrungen ein Urteil über das Ganze wird.

Zwischen berechtigter Kritik und dem Verlust von Vertrauen verläuft ein schmaler Grat. Diesen zu erkennen, erscheint mir heute wichtiger denn je.

Mit freundlichen Grüßen

Ulrich C.

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Hallo Herr Ulrich C,

ich teile die Begeisterung über dieses spannende Gespräch weitgehend.

Nur ihre Aussage „Persönliche Beobachtungen ersetzen keine belastbare Analyse. Und aus dem Eindruck einzelner Beteiligter folgt noch nicht zwangsläufig, dass Verantwortliche Probleme bewusst ignorieren oder verschweigen.“ finde ich falsch, wenn das implizieren soll, dass der Interviewpartner nur einen „einzelnen Eindruck“ liefert.

Immerhin ist das jemand, der jahrzehntelang im System gearbeitet hat! Wer 400 „Kunden“ betreut, jahrelang, dem kann man schon als „Experten“ bezeichnen und muss seine Einschätzungen ernst nehmen.

Mir scheint, dass manche Leute bei psychologischen Dingen eine mathematische, statistische Genauigkeit erwarten. Das ist natürlich völlig unmöglich, da man NIEMALS die „wahre“ Motivation von Menschen erfahren kann. Genau deswegen ist der EINDRUCK ja so wichtig, die man im direkten Kontakt hat.

Jeder, der z.B. in der Erziehung beschäftigt ist, weiß, dass man z.B. sehr genau die Motive von Jugendlichen oder Studenten einschätzen kann, ohne dass man „fundierte Statistiken“ hat. Das ist eben Lebenserfahrung durch jahrelange Arbeit.

Daher würde ich diesem Experten mehr vertrauen als Statistikern, die am Ende nur das bewerten können, was sie erfassen - und das ist quasi per Definition nichts psychologisches, also was Motivation betrifft.

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Bürgergeld: beim Thema „Fördern und Fordern“ würde ich erwarten, dass du weiterfragst. Was soll denn gefordert werden? Das Erscheinen bei irgendwelchen Terminen führt noch lange nicht dazu, dass jemand in Arbeit vermittelt wird.

Im Bereich Akademikerin als ich 30 war, hörte ich: wenn ich einen Job für Sie hätte, würde ich den selber nehmen. Inzwischen IT-Beraterin über 50? Gehen Sie zu linked in. Der Staat müsste der Arbeitagentur privilegierten Zugang zu Arbeitsplätzen ermöglichen. Die Unternehmen verpflichten. Wie soll selbst ein wohlwollender Agenturmitarbeiter einen Job für mich finden, den es nicht gibt?

In diesem Jahr höre ich von ausländischen Studenten a) unverständliche Aufforderungen:„finden Sie sich bei mir ein“ und b) keine realistischen Jobs. Putzen in einer sozial betriebenen Bäckerei, die nach 3. Monaten in Konkurs geht. Barista mit illegalen 10 Stunden Schichten für 8 Stunden Mindestlohn und 30 Mitbewerberinnen, davon einige super stylish. Pizzafahrer. Warenhaus. Kellnern auf Umsatzbasis.

Dabei Mieten um 900 EUR nur für ein Zimmer, wenn überhaupt. Mit Kindern kann ich mir gar nicht vorstellen wie das gehen soll.

Da spricht doch nichts gegen 1-2 Jahre unkompliziertes Bürgergeld, damit man nicht gleich in eine kritische Zone fällt, aus der man kaum noch heraus kommt.

Dann braucht es akzeptable Angebote, vielleicht kontrollierte ABM-Stellen, mit Versicherung und Sparmöglichkeiten, - mit denen man sich halten und weiterentwickeln kann.

Der Lohn muss (netto) nicht höher als das Bürgergeld sein (bzw umgekehrt), wenn der Job eine gewisse Sicherheit und Zukunft bietet.

Stimmt. Arbeitsvermittlung ist etwas, was aus der Zeit gefallen ist. In den 80er Jahren war ja vielleicht noch so, dass man einen Job gefunden hat, weil das Arbeitsamt einem eine Liste mit Jobangeboten nannte. Heute erledigen so was Internetdatenbanken schneller und effizienter. Keiner sucht oder findet doch heute noch einen Job über das Arbeitsamt…

Das man in Einstiegsjobs wie Barista oder Lierdienst immer kämpfen muss, liegt hingegen in der Natur der Sache. Genau deswegen lohnt sich ja Bildung. Das darf und sollte nicht anders sein, sonst macht ja keiner mehr ein Studium oder eine Ausbildung. Wer meint, als Pizzabote genügend verdienen zu wollen um Frau und Kind zu finanzieren in einer Großstadt, versteht nicht, wie die Welt funktioniert. Wir leben nicht im Sozialismus! (1)

Eigentlich gehört daher das Arbeitsamt abgeschafft. Auch Bürgergeld bzw. Arbeitslosengeld II oder wie es jetzt heißt gehört abgeschafft. Stattdessen sollte man dafür Sorgen, dass es immer Jobs gibt für jeden, der will, zur Not eben in staatlichen Arbeitsangeboten wie Grünamt oder zur Not als Pförtner oder Schülerlotse (Schulweghelfer kann es nie genug geben!)

(1) mit einer Ausbildung wie Kindergärtnerin oder Pflegefachkraft bekommt man inzwischen im Median (!) auf 4000€ brutto oder 2500€ netto, genug zum (einfachen) Leben auch mit Kind.

(2) wer Erfahrung mit Jobs in der Gastro hat, weiß, dass man zum Lohn noch mal doppelt so viel an Trinkgeld bekommt. Eine „Barista“ in meinem Umfeld macht locker 30€ die Stunde… der Job ist hoch begehrt. „Stylisch“ auszusehen ist dabei genau das, was die Attraktivität der Location auszeichnet. Wer da stylischer ist, bekommt im Zweifel auch bessere Jobs in angesagteren Betrieben, wo dann auch das Trinkgeld lockerer sitzt. Was ist daran auszusetzen? Wollen wir verbieten, Attraktivität zu belohnen? Kommt dann auch die Einheitsbezahlung für Profisportler?